Im Geiste von Adam von Trott und Adolf Reichwein

  Begegnung in Kreisau,
  Pfingsten 2000

Es war an der Zeit, dass der Adolf-Reichwein-Verein einer seine Jahrestagungen an den für ihn so bedeutsamen Ort Kreisau legte. Die hohe Zahl der Anmeldungen unterstrich die Dringlichkeit dieses Anliegens.

Schon seit Beginn der Planungen stand die Tagung - ganz im Sinne Kreisaus - unter dem Akzent der Begegnung: Sie führte die Mitglieder des Reichwein-Vereins mit denen der Stiftung Adam von Trott, Imshausen, zusammen. Die Namensgeber beider Gruppierungen arbeiteten zusammen im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime innerhalb des Kreisauer Kreises. Insofern war auch das erste Treffen der Mitglieder untereinander überfällig. Dass es gerade in der Tradition der Pfingsttreffen in Kreisau zustande kommen konnte, dafür gebührt den Organisatoren, vor allem Annelies Piening, Sabine Reichwein und Renata Bardzik aus Kreisau großer Dank.

Das zusammen mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte ausgearbeitete Programm war -  wie konnte es anders sein - dicht gedrängt, vielfältig, äußerst informativ und anregend, und doch ließ es auch dem Kennenlernen und Gesprächen untereinander Raum und Zeit. Viele waren zum ersten Mal am Ort. Für einen, der bereits einige Male hier war und die bauliche wie institutionelle Entwicklung in Teilen mitverfolgen konnte. war es spannend, in die Gesichter der Neuangekommenen zu blicken und sich mit ihnen auszutauschen über Eindrücke, gemessen an den Vorstellungen und Erwartungen, die sie dem von der Geschichte geprägten Ort entgegenbrachten.

Schon bald wurde in informellen Gesprächen und bei der offiziellen Vorstellung durch Vertreter beider Gruppen deutlich, wie sehr sie sich unterschieden: hier der Verein mit seiner mehr wissenschaftlichen und pädagogischen Zielrichtung, dort die Stiftung, getragen von einem Freundeskreis Adam von Trotts von zentraler Bedeutung ist. Nicht allein weil dieses Bedürfnis in fast wörtlicher Fomulierung auch bei Adolf Reichwein zu finden ist, sollten beide Gruppen ihre Kontakte ausbauen und vertiefen. Es ist zu wünschen, dass die ins Auge gefaßte Absicht einer weiteren gemeinsamen Tagung, dieses Mal in Imshausen. bald verwirklicht werden knd einer Kommunität, denen die Verbindung von „vita activa“ mit „vita contemplativa“ in christlichem Geist und im Sinne an.

In Kurzreferaten erfuhren die Mitglieder der Gruppierungen Wesentliches über ihre Namensgeber: Reichweins Leben und Werk wurde von seinem Biographen Ullrich Amlung skizziert; die amerikanische Germanistin Nancy Lukens beschrieb Stationen des Weges, der vor Jahren sie und ihre Studierenden nach Deutschland führte und sie auf den Kreisauer Kreis und insbesondere auf Adam von Trott stoßen ließ. Prof Hans Mommsen ging in seinem Vortrag einer immer wieder gestellten und in der Forschung lange ein Desiderat gebliebenen Frage nach:
Welche Positionen bezogen die Kreisauer gegenüber der Judenverfolgung im Dritten Reich (s. H. Mommsen, Alternative zu Hitler, München 2000, 5. 384) ?

Das Treffen mit dem Freundeskreis der Stiftung aus Breslau wurde zu einer besonders intensiven Erfahrung. Einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterließen die äußerst informativen Ausführungen von Ewa Unger zur Bevölkerungsumsiedlung im Nachkriegspolen, zur Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen und zu Polens Verhältnis zu den Nachbarn im Osten, alles gegründet auf eigener leidvoller, jedoch konstruktiv gewendeter Erfahrung.

Die in Teilen bereits prächtig restaurierte Friedenskirche in Schweidnitz war der Ort einer dritten Begegnung: die Feier des Gottesdienstes am Pfingstsonntag führte die Tagungsteilnehmer mit der kleinen evangelischen Gemeinde der Stadt zusammen; im Anschluß daran gab der Gemeindepfarrer interessante Einblicke in das kirchliche Leben.

Die folgenden Programmpunkte gehören - in variierender Schwerpunktsetzung - zum festen Bestandteil eines Aufenthalts in Kreisau: Kennenlernen des Dorfes und des ehemaligen Gutshofes als heutiger Ort der Begegnung, der Erinnerung, der Information, der Forschung und vielfältiger Aktivitäten, Besuch der Ständigen Ausstellung im Schloß „In der Wahrheit leben“

Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition im 20. Jahrhundert, Besuch des Berghauses mit dem Gedenkraum, Besuch und Gedenken im ehemaligen KZ Groß Rosen, Wanderung auf die zu herrlicher Rundsicht einladende Hohe Eule; Führung durch Breslau, wo die anregende Betriebsamkeit des Stadtzentrums mit der tiefen Ruhe des alten jüdischen Friedhofes eindrucksvoll kontrastierte.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Internationalen Jugendbegegnungsstätte trugen mit Freundlichkeit und Entgegenkommen zum Gelingen der Tagung bei. Das festliche Abendessen nach polnischer Art wurde zum letzten Höhepunkt der Begegnung.

Dieser Abschiedsabend klang aus mit Liedvorträgen aus der Schemelli-Sammlung -  ein Anklang an das Bach-Jahr auch in Kreisau - und einem spontanen gemeinsamen Singen deutscher und amerikanischer Lieder.

Von den Personen aus Kreisau, die sich um uns kümmerten, möchte ich besonders die für unsere Tagung zuständige Bildungsreferentin Renata Bardzik nennen. Die gleichermaßen entschiedene wie freundliche und einfühlsame Art der Begleitung unserer gewiss vielgestaltigen Gruppe und vor allem die kluge und tief reflektierte Weise, in der sie unsere Fragen zur Arbeit in Kreisau, zur Annäherung heutiger Jugendlicher an die durch Kreisau repräsentierten historischen und gegenwärtigen Themen beantwortete und die Probleme auf den Punkt brachte und dies alles mit erstaunlicher Sprachkompetenz in Deutsch, fand unseren Respekt und herzlichen Dank.
 

Ein Beispiel und als Gedanke zum Schluß:
Renata bemerkte im Hinblick auf den Kreisauer Kreis: Er ist ein deutsches Phänomen; für Nichtdeutsche ist es wichtig zu erkennen, welchen Stellenwert der Widerstand für die Deutschen hat.

Freya von Moltke schrieb in ähnlichem Sinne: „Wie gut, dass Kreisau heute in Polen liegt. Das nimmt es aus seiner möglichen deutschen Enge und macht es von vorn herein zu einem europäischen Ort.“ Ich schließe mich dem an: Für viele von uns wäre Polen ein weithin unbekanntes Land und die deutsch-polnische Geschichte ein vorwiegend historisches Phänomen geblieben. Siehe auch Interview mit Freya v. Moltke: "Und es ging doch weiter"  und "Ein Kreis schließt sich".
Kreisau erschließt uns die Vergangenheit und hilft in der Gegenwart, Zukunft zu gewinnen. Es ist gut, dass es Kreisau gibt.
 

Ekkehard Geiger