Widerstand und Zivilcourage.
Ihre Bedeutung in der heutigen gesellschaftlichen Situation
 
Jahrestagung 2002
 
 
 

Die Jahrestagung 2002 des Adolf-Reichwein-Vereins fand gemeinsam mit der Stiftung Adam von Trott vom 
   7. - 9.6. 2002 
in Imshausen statt 

 


"Widerstand und Zivilcourage", so lautete das Rahmenthema der gemeinsamen Tagung des Adolf-Reichwein-Vereins mit der Stiftung Adam von Trott in Imshausen vom 7.6. - 9.6.2002.

Die ersten Teilnehmer/innen trafen sich wohlgemut am Freitag um 17.20 Uhr an der Bushaltestelle des Bahnhofs Bebra, um das herrlich gelegene Gut mit Herrenhaus und Nebengebäude, im Trottenpark gelegen, mit dem Linienbus gemeinsam zu erreichen. Die 21 Mitglieder des Reichwein-Vereins und 8 Gäste konnten in den kleinen Zimmern der ausgebauten Scheune alle untergebracht werden.
Diese "harten Bedingungen" hatten jedoch keinen Einfluss auf die gelungene, lebendige Tagung und die durchgängig gute Stimmung unter den Teilnehmer/innen. Dies fing an mit einem sehr freundlichen Empfang durch die Kollegen der Adam von Trott-Stiftung, einem rustikalen Abendbrot und fundierten Hinweisen auf das Haus und die Arbeit der Stiftung in Imshausen, die seit 1.1.2001 von Joachim Garstecki, einem geschäftsführenden Studienleiter, hauptamtlich geführt wird.

Der Jahresbericht 2001 der Stiftung, das aktuelle Programm 2002 und weitere Hinweise waren in Kopie allen zur Verfügung gestellt worden. 
Aus dem Protokoll der Mitgliederversammlung, die am Samstag Abend begann und am Sonntag Vormittag fortgesetzt und beendet wurde, ist zu entnehmen, dass von einem ergebnisorientierten, strukturierten und erfolgreichen Verlauf gesprochen werden kann, mit erfreulichen Wahlen und einem geplanten Arbeitsprogramm, an dem sich viele beteiligen wollen. Wie ich finde, ein gelungener Start des neuen Vorstands mit Dr. Klaus Schittko, Annelies Piening, Andreas Schuchardt und Axel Thun (vgl. weitere Beiträge in diesem Heft).

Vor der Fortsetzung der Mitgliederversammlung am Samstag morgen wanderten fast alle Teilnehmer/innen zum hölzernen, hohen Gedenkkreuz für Adam von Trott, den sanften Wiesenhügel hinter Imshausen hinauf.
Auf den Vortrag von Prof Dr. Wolfram Wette (Universität Freiburg) "Zivilcourage. Aufrechte Soldaten gegen Militarismus und Vernichtungskrieg (1871 - 1945)" waren viele gespannt. 
W. Wette führte u. a. aus, dass von 24 000 Offizieren der Reichswehr nur 17 öffentlich pazifistische Ideen vertraten. Durch Auslandserfahrungen haben diese nationales Scheuklappendenken überwunden und auch den Wert anderer Kulturen erkannt.
Nicht selten haben auch die Frauen dieser Offiziere einen wichtigen Einfluss auf deren pazifistische Grundhaltung gehabt. 
Längere Denkprozesse führten zum Umdenken: "Ändert Euren Sinn, verabschiedet Euch vom Schwertglauben" hieß eine wichtige Parole. Durch dieses selbständige Denken wurde in der militärischen Praxis der Befehlsgehorsam überwunden.
Die Ergebnisse des 1. Weltkriegs 1914/18 wurden kritisch verarbeitet. Nicht zuletzt auch "Die Desertation"  des deutschen Kaisers 1918 gab zu denken. Die meisten pazifistischen Offiziere entwickelten eine demokratische Gesinnung, waren für die Weimarer Republik und entweder Mitglieder oder Sympathisanten der SPD oder DDP.
Das Zentrum, die SPD und die DDP waren ja bekanntlich die tragenden Parteien der Regierung bis 1925.

Nach 1933, so Wette, gab es keine öffentlichen Aktivitäten von Wehrmachtsoffizieren in der Publizistik mehr. Während des 2. Weltkriegs kam es durch Kriegs- und Hitlergegner vermehrt zur Desertion als Form der Zivilcourage.
Der deutsche Bundestag hat erst jetzt im März 2002 durch die rot-grüne Mehrheit beschlossen, die Deserteure zu rehabilitieren. Johannes Rau sprach in diesem Zusammenhang von "stillen Helden".
Der militärische Widerstand um Graf von Stauffenberg ging über die Zivilcourage als geplante politisch-militärische Aktion weit hinaus und ist von daher hier nicht Thema. 
Dagegen sind die Taten der "Retter und Helfer in Uniform", die z. B. während des Krieges gegen die Sowjetunion sich nicht an Deportationen und Erschießungen der Ostjuden hinter der Front beteiligten, wiederum als praktizierte Zivilcourage zu werten.
In Yad Vashem in Jerusalem werden 40 Wehrmachtsangehörige als Retter von Juden geehrt und dokumentiert. Wette konnte herausfinden, dass es nachweislich 145 Retter in Uniform in der ganzen Wehrmacht gab. Sie haben sich gegen die von Hannah Arendt später konstatierte "Banalität des Bösen" gestellt und spontan menschlich gehandelt.
Damit haben diese Männer den Nachweis erbracht, dass militärischer Ungehorsam auch im totalitären NS-Staat möglich war. Es gab Handlungsspielräume, die man nutzen konnte, ohne gleich erschossen zu werden.
In jüngster Zeit wurde eine Bundeswehr-Kaserne in Rendsburg nach Anton Schmidt, einem Retter in Uniform, benannt gegen den Willen der Mehrheit der Personalversammlung dieser Kaserne.
Die vielen Nachfragen und Diskussionsbeiträge zeigten, dass Wolfram Wette in diesem Kreis auf großes Verständnis und Interesse gestoßen ist. 
Dr. Levin von Trott referierte im Anschluss kurz die wichtigsten Daten und Fakten seines Onkels Adam von Trott zu Solz und machte deutlich, dass Zivilcourage Voraussetzung der Widerstandsarbeit dieses jungen Juristen war, der im Alter von 35 Jahren wie andere Mitglieder des Kreisauer Kreises auch, zum Tode verurteilt und am 26.8.1944 hingerichtet wurde. 
Joachim Garstecki entwickelte auf der Basis von Wolfgang Heuers Habilitationsschrift: acht Thesen zur Klärung der Begriffe Zivilcourage und Widerstand, die im folgenden abgedruckt sind: 
Zivilcourage resultiert aus einer habituellen  Prägung des einzelnen, die sich in der unmittelbaren Beziehung zu anderen Menschen artikuliert. Es gibt keinen gesellschaftlich "herstellbaren" noch vorprogrammierbaren Zugang zu Zivilcourage.
Zivilcourage wird durch Faktoren wie individuelle Veranlagung, Elternhaus, Familie, Freundschaften und gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit beeinflusst. Offene und flexible Persönlichkeiten werden eher zu couragiertem Handeln befähigt sein als andere. "Zivilcourage ist praktische Behauptung der menschlichen Würde wider Verachtung und Demütigung" (Norbert Copray, Rezensent des Heuer-Buchs).
Couragiertes Handeln ist nicht lehrbar und auch nicht kurzfristig erlernbar. Vielmehr ergibt es sich aus einer individuellen Verhaltensdisposition, die unter je spezifischen Umständen der persönlichen Lebenswelt in einem langen Prozess erworben wird.
Zivilcourage wird sich unter den Bedingungen einer Diktatur anders äußern als unter den Bedingungen einer Demokratie. "Widerstand" ist deshalb nicht die einzige und gleichsam naturhafte Konsequenz couragierten Handelns. Zutreffender ließe sich in der Demokratie von einem engen Zusammenhang von Zivilcourage, Widerspruch und je aktuellen Widerstehen sprechen.
Um Zivilcourage zu wecken, bedarf es nicht öffentlicher Appelle, sondern der Schaffung von Bedingungen, unter denen couragiertes Handeln möglich werden kann.
Wer die habituellen Grundlagen von Zivilcourage im Prozess der Sozialisation von jungen Menschen fördern will, muss die Fähigkeiten zu Selbstvertrauen, Bindungsfähigkeit gegenüber anderen, Mut und Risikobereitschaft entwickeln helfen. Pädagogische Hilfestellungen können hier ansetzen.
Der riskante Zusammenhang von Zivilcourage und Widerstand gegen Diktaturen ist nur (noch) durch Menschen vermittelbar, die couragiert und widerständig gelebt und dennoch überlebt haben. In ihrem Lebenszeugnis fällt exemplarisch zusammen, was in der bloßen Begrifflichkeit von "Widerstand" und "Zivilcourage" getrennt bleibt. Von Zivilcourage müssen couragierte Menschen erzählen.
Zivilcourage kann als die "prima ratio" der Demokratie verstanden werden (Heribert Paul, Süddeutsche Zeitung 1998). Sie ist eine unerlässliche Voraussetzung für die Entwicklung der Gesellschaft ebenso wie für eine menschenfreundliche und zukunftsfähige Politik. "Jeder ist mitverantwortlich für das,  was er tut, und mitverantwortlich für das, was er geschehen lässt. Das eigentlich Politische ist die Selbstverpflichtung... Jeder Generation stellt sich die Aufgabe anders und neu, nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht, Konflikten nicht auszuweichen, nicht gleichgültig zu werden, sich nicht einfangen zu lassen, Passivität und Fatalismus, Risikoangst und Konformismus zu überwinden, auch wenn es nicht um Leben und Tod geht" (Richard von Weizsäkker, Rede zum 50. Gedenktag an die Geschwister Scholl und die 'Weiße Rose' am 16. Februar 1993). 
Diese Thesen lösten eine ausgesprochen kontroverse und lebendige Debatte unter der Teilnehmerschaft aus, die seit Beginn der Referate am Nachmittag auf 50 - 60 Teilnehmer/innen angewachsen war. Mitglieder der Adam von Trott-Stiftung und andere Interessierte waren hinzugekommen. Unter ihnen Verena Onken von Trott, die Tochter Adam von Trotts, und Herr Burkhard, der Reichwein noch in Tiefensee besuchte und mit der Familie von Trott eng befreundet war und ist. Ich habe es sehr bedauert, dass diesen Zeitzeugen nicht mehr Möglichkeiten einer Darstellung ihrer Erlebnisse und Erfahrungen eingeräumt werden konnte.
Der anstrengende Tag schloss mit einer zusammenfassenden Darstellung der ersten Vergabe des Adolf-Reichwein-Preises des Landes Brandenburg durch Prof. Dr. Roland Reichwein (Jury-Mitglied) und einer sehr lebendigen Darstellung des Projektes "Aktionsbündnis gegen Gewalt" (Rahn-Schule Fürstenwalde) durch den Lehrer Wilfried Bremer (Frankfurt/Oder/Fürstenwalde) . Viele Tagungsteilnehmer/innen besuchten am Sonntag Vormittag den Gottesdienst der Kommunität lmshausen.
Langschläfer und andere Menschen genossen zwischenzeitlich den Vogelgesang und das weniger musikalische Gebell junger Hunde aus der herrlichen Parkumgebung.
Gabriele C. Pallat las gegen 11.30 Uhr aus "Zeitfunken" von Karin Friedrich unter anderem jene Stelle , in der das Überleben des jüdischen Musikers Konrad Latte geschildert wird, der durch spontane Hilfe von wenigen Berlinerinnen und Berlinern vor der Deportation gerettet wurde, die Nazi-Zeit in Berlin überlebte und lange Zeit nach dem Kriege das Berliner Barock-Orchester leitete.  Ein weiteres Beispiel für Zivilcourage im NS-Staat.
In der Schlussrunde wurde den Vorbereitern, den Mitwirkenden und den Gastgebern herzlich gedankt. Die Organisation und Inhalte der Tagung wurden ebenso positiv hervorgehoben wie die große Offenheit und Gesprächsbereitschaft der Teilnehmer/innen.

Lothar Kunz

 


Prof. Dr. Wolfram Wette ,Jahrgang 1940, Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie, Promotion 1971 in München, Habilitation 1991 in Freiburg, war von 1971 bis 1995 Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg und lehrt am Historischen Seminar der Universität Freiburg Neueste Geschichte. Er arbeitet in der Historischen Friedensforschung und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zum Zweiten Weltkrieg, dem deutschen Uberfall auf die Sowjetunion, über den „Mythos Wehrmacht“ und „Retter in Uniform“. Seine neueste Veröffentlichung erschien soeben im Fischer-Verlag: „Die Wehrmacht. Feindbilder. Vernichtungskrieg. Legende.“Wolfram Wette  gehört zu den wichtigsten Militärhistorikern Deutschlands. Seit 1995 freier Autor. 

Veröffentlichungen u.a.: 

Gustav Noske. Eine politische Biographie. Düsseldorf 1987, 2. Aufl. 1988. – 

Militarismus und Pazifismus. Auseinandersetzung mit den deutschen Kriegen. Bremen 1990. 

Vom Referenten hrsg.: 

Aus den Geburtsstunden der Weimarer Republik. Das Tagebuch des Obersten Ernst van den Bergh. Düsseldorf 1991. – 

Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten. München 2. Aufl. 1995. – 
Deserteure der Wehrmacht. Essen 1995. – 

Andere Helme – andere Menschen? Heimaterfahrung und Frontalltag im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich. Zus. mit Detlef Vogel. Essen 1995. – 

Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Bremen 1999. – 

Militarismus in Deutschland 1871 bis 1945. Zeitgenössische Analysen und Kritik. Münster, Hamburg 1999. – Das letzte halbe Jahr (1944/45). Stimmungsberichte der Wehrmachtspropaganda. Zus. mit Ricarda Bremer und Detlef Vogel. Essen 2001. – 

Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert. Zus. mit Gerd. R. Ueberschär. Darmstadt 2001.

»Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941« (Mitherausgeber, Fischer Taschenbuch)
»Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg

der Wehrmacht« (Herausgeber, Fischer Taschenbuch - März 2002).
 
 

Dr. Levin von Trott zu Solz,  Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung und Leiter des "Bergedorfer Gesprächskreises.

Veröffentlichungen:

Hans Peters und der Kreisauer Kreis. Staatslehre im Widerstand 
In:Die Verwaltung 31 (1998), 577 - 581 

In: ZNR 21 (1999), S. 527–529

Bürgerorientierte Kommune - Wege zur Stärkung der Demokratie
Projektdokumentation Band 1: Hearing und Auftaktveranstaltung

"Leitbild Bürgerorientierung"
Beitrag für die Diskussionsreihe "Wege zum Bürgerstaat".
In: Der Gemeinderat, 10/1998.

"Big and Small Democracy" - Zur Verbindung von Bürgergesellschaft und Demokratie in Deutschland.
In: Alemann/ Heinze/ Wehrhöfer (Hrsg.): Bürgergesellschaft und Gemeinwohl. Analyse, Diskussion, Praxis. 1999.

Wettbewerb und Modellprojekt "Bürgerorientierte Kommune - Wege zur Stärkung der Demokratie.
In: Heinze/ Olk (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland 1999

Joachim Garstecki

katholischer Diplomtheologe, bis 1990 als Friedensreferent beim Bund der evangelischen Kirchen in der DDR, begann mit der Annäherung von Pax Christi in der alten Bundesrepublik und der ökumenischen Friedens- und Menschenrechtsbewegung aus der DDR vor 1989. Er koordinierte Anfang der Neunziger Jahre den sogenannten Plattformprozess von pax christi, eine rund dreijährige Modernisierungsdiskussion innerhalb der katholischen Friedensbewegung. In der im Herbst 1995 beginnenden Pazifismusdebatte bis hin zum Kosovo-Konflikt 1999 spielte Garstecki auch öffentlich eine aktive Rolle. Seine häufig von strikten pazifistischen Antworten abweichenden Positionen beförderten innerhalb von pax christi eine intensive Diskussion über die politische Aktualität der Gewaltfreiheit. In den letzten Jahren begleitete er intensiv die Entwicklung des zivilen Friedensdienstes als neuem Handlungsfeld von pax christi. Stiftung Adam von Trott, Mitglied der Aktion Sühnezeichen.

Veröffentlichungen:

Friedenssicherung versus Menschenrechte 
Bundesdeutsche Friedensbewegung im Ost-West-Konflikt - von Joachim Garstecki